Sonntag, 24.03.2024 / 17:00

Postcards

Konzert
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Eine Postkarte aus Beirut bekommt man nicht alle Tage, denn obwohl die Stadt lange als das Paris des Nahen Ostens galt, ist sie heute nicht unbedingt ein gängiges Touristenziel. Beirut ist eher als Thema der Abendnachrichten in unserem Bewusstsein, mehr Krisenherd denn Kulturzentrum. Kein Wunder also, dass eine Gruppe aus Beirut , Libanon, erstmal neugierig macht.

Den Postcards ist mit ihrem Debüt „I´ll be here in the Morning“ (2018) , dem Album „The Good Soldier“ (2020) Dream-Pop in Vollendung geglückt! Mit dem Album „A5er the Fire, Before the End“ (2021) wurden die nicht aufhörenden Krisen im Libanon (Proteste, verheerende Explosion im Beiruter Hafen, staatliches Komplettversagen, Elektrizitäts -, Wirtschaftskrise) verarbeitet. Im Falle der aufstrebenden Band liegt es auf der Hand, den Reiz des Exo=schen zu beschwören, doch würde man damit den Postcards keinesfalls gerecht. Der markante Dream-Pop der Band verrät seine Provenienz nie, tönt vielmehr so, als wäre er vom Campus eines US-College ausgebüxt. Genau da ran muss man ihn messen. Würden die Postcards auch aufhorchen lassen, wenn sie einem der musikalischen Hotspots der USA entsprungen wären? Aber ja! Denn in ihrer Musik trifft melodischer Feinklang auf den genretypischen Gitarrensound und einen Gesang, der im Ausdruck seinesgleichen sucht. Julia Sabra verfügt über einen Vortrag, der alle Verlorenheit und Sehnsucht fast beiläufig ins Mikro haucht.

Auf der Bühne präsentierten sich die jungen Musiker*innen souverän, die sich ganz und gar dem melodischen Dream-Pop verschrieben haben. Rund um die sanfte und warme Stimme von Julia Sabra weben Gitarrist Marwahn Tohme und der Schlagzeuger Pascal Semerdjian einen sphärisch schwebenden Klangteppich mit dem sie die lyrischen Texte der Sängerin begleiten. Die erzählt zum Beispiel in einem der früheren Songs “All the places we will go” von den oft so schwer erfüllbaren Träumen der sympathischen Gruppe, die mit ihrer Musik so gerne hinaus in die Welt ziehen würde - wenn es denn nicht so schwierig wäre, von einem Land wie dem Libanon aus, die dafür fast überall nötigen Visa zu bekommen. Sie sehen genauso aus, wie ihre Altersgenossen in Europa oder den USA und sie träumen die gleichen Träume. “Bei uns im Libanon mag das Leben manchmal chaotisch sein, weil vieles nicht funktioniert”, sagt Pascal, “aber uns erscheint das völlig normal. Jeder versucht sein Leben so gut wie möglich zu organisieren. Wichtig ist, dass Du einen guten Freundeskreis hast.” Wie lebt man mit dem Bewusstsein mitten in einer Krisenregion zu wohnen? “Wir reden schon miteinander über das, was um uns herum passiert, aber konzentrieren uns vor allem darauf, weiter zu machen. Wir haben den Krieg ja nicht mehr selbst erlebt.” Deswegen habe die junge Generation auch eine positivere Lebenseinstellung als viele Ältere im Land. Wieso sie so westlich klingende Musik machen? “Für uns ist es die Musik, die wir selbst mögen. wir sind schon auf der Schule vor allem auf Englisch oder Französisch unterrichtet worden”, erzählt Julia, “abgesehen davon singen auch viele deutsche Bands wie wir auf englisch. Unsere Texte handeln dennoch von unserem Alltag in Beirut.”

Das famose Flying Saucers vom Debütalbum „I´ll be here in the Morning“ verrät am die Herkun5 der Band: „Every Sunday night‘s the same, the day we can‘t shake off. And as we hoped for some exciting change, we heard the loudest bomb. I tired to call as soon as I found out but all the lines were jammes, and so I thought it best to go back to making my dinner plans. There could be flying saucers in the sky, a thousand planes ahead. As long as they don‘t feel too close we can pretend that they‘re not there.“ erzählt von Eskapismus durch Verleugnung. Der Song ergibt sich schicksalshaft dem Alltag, versucht die rund herum stattfindenden Katastrophen möglichst auszublenden. Eine federleichte Melodie, der helle Hall der Gitarre und Sabras gedankenverlorene S=mme ergeben ein wunderbares Stück Musik.

Sabras nachdenklicher Liebreiz, das atmosphärisch dichte Spiel ihrer Bandkollegen und ein von zarten, zugleich eingängigen Harmonien geprägtes Songwriting machen die Postcards mit zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Solch tolle Klänge begegnen einem wirklich nicht alle Tage. Die Emotionen, die nach dem Verklingen im Raum verbleiben, werden ohne Zweifel noch lange im Hörer nachhallen. 

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